Der Begriff “topping from the bottom” heißt übersetzt nichts anderes als „Führung von unten“. Bei dieser Definition muss ich immer an mein BWL-Studium denken. Die Führung von unten bedeutet hier nichts anderes, als seinen Vorgesetzten durch bestimmte Aktionen zu gewünschten Reaktionen zu bringen. Oft hilft uns die Psychologie dabei, gezielt Reize zu setzen, um die Chefs unterbewusst in ihren Entscheidungen zu beeinflussen.

Nicht viel anderes funktioniert dies im BDSM-Kontext. Wobei hier die Vorgehensweise oft etwas subtiler ist als im Job. In der Theorie spricht man von „topping from the bottom“, wenn die Erfüllung der Wünsche und Phantasien des Subs im Vordergrund stehen und Top nur noch als Erfüllungsgehilfe dient. Es ist von sogenannten „Wunschzettelsklaven“ die Rede. Sie sehen sich oftmals als das größte Glück überhaupt für den Top. Überspitzt gesagt müssen wir ihnen dankbar dafür sein, dass sie sich uns hingeben. Und wehe wir machen etwas, das nicht ihren Vorstellungen entspricht. Dann wir gemosert, getrozt, gebettelt oder sogar verweigert.

In der Theorie hört sich das wie ein ziemliches „no go“ für jeden Top an. Aber wie sieht es mit der Praxis aus? Wo fängt „topping from the bottom“ an und wo hört es auf? Oder ist es nur eine Spielregel der „alten Hasen“, um Neulinge zu verunsichern?

In meinem Leben gibt es schon die ein oder andere Situation, in der ich mich ernsthaft selbst als Dom hinterfrage, ob ich meine Führung untergrabe. Gerade, wenn die Vorlieben zwischen mir und meinem Bottom sehr ähnlich sind. Klar erfülle ich auf der einen Seite seine Wünsche und Phantasien, aber auf der anderen sind es auch zum größten Teil meine eigenen. Zudem zwinge ich ihn auch im Rahmen des vorher Vereinbarten, zu Dingen, die nur mir gefallen und mich erregen.

Jetzt ist es allerdings so, dass ich BDSM nicht 24/7 auslebe. Mit meinen Spielpartnern bin ich außerhalb der Sessions grundsätzlich auf Augenhöhe. Wir kommunizieren auf der Beziehungsebene als gleichwertige Partner. Dadurch ergeben sich oft Gespräche über verschiedene Praktiken, Techniken, Spielzeuge, Locations, Variationen und so weiter. Wir reden viel über BDSM. Mir ist auch ein Feedback sehr wichtig, vor allem, wenn ich etwas Neues ausprobiert habe.

In der Session selbst dulde ich jedoch keine Mitsprache. Da ist die Rollenverteilung eindeutig und wir befinden uns im Dom-Sub-Verhältnis. An meine Regeln muss er sich ohne zu murren halten. Verstöße dagegen werden bestraft.

Ist meine Beziehungsebene nun eine Form von „topping from the bottom“?

Menschen, die BDSM 24/7 ausleben, würde diese Frage vermutlich bejahen. Sie sind es meiner Meinung nach gewohnt, dass ihr Sklave alles tut, was verlangt wird. Wunschzettel oder sogar Widerworte sind für sie eher fremd. Ein Sub der seine Neigung lebt, wird auch nie auf die Idee kommen, der Herrin Vorschriften zu machen. In seiner Vorstellung gehört sich dies einfach nicht.

Aber mal ganz ehrlich, wieso soll ich als Dom die gesamte Planungsarbeit für eine Session alleine übernehmen? Damit sich Sub noch ausgelieferter fühlt, keinen Einfluss darauf hat, was mit ihm passiert? Der Willkür der Herrin zu 100 % ausgeliefert ist?

Geile Vorstellung aus Sicht des Sklaven, oder etwa nicht? Am liebsten sind mir die Subjekte, die sich hinstellen und sagen: „Machen Sie mit mir was sie wollen, Herrin. Ich bin Ihr Eigentum“ – Hinkommen, ausziehen, vor der Herrin niederknien und machen lassen. Einfach die Kontrolle abgeben und nicht mehr denken müssen.

Echt jetzt?!? Was passiert, wenn ich so einen Sklaven herbestelle, ihm die Wohnung putzen lasse und dann wieder unbefriedigt heimschicke? Er trägt während des Putzens weder einen KG, noch Fesseln, noch ist er nackt. Er darf mich auch nicht lecken oder anderweitig befriedigen. Heute möchte ich nur, dass meine Wohnung glänzt.

Mal ganz ehrlich, wie viele von meinen devoten Leserinnen und Lesern würden das mitmachen? Und was passiert, wenn die nachfolgenden Sessions ähnlich verlaufen? Wenn ich dem Sklaven nur in jeder fünften oder sechsten Session seine tatsächlichen Fantasien befriedige? Was viele bei solchen Gedanken vergessen, ist, dass eine Dom in der Regel nicht nur einen Spielpartner haben kann, sondern mehrere gleichzeitig. Wer also denkt, er müsse seine Herrin bei jedem Besuch sexuell befriedigen, ist leider auf dem Holzweg. Sie kann sich dafür auch jederzeit einen anderen Sklaven kommen lassen.

Meiner Meinung nach ist es in einer freiwilligen Sklaverei schwierig, von „der Führung von unten“ zu sprechen. Man muss immer die Lebensumstände mit im Blick haben. In den letzten Jahren tut sich einiges im Bereich BDSM. Zwischen die alten Hasen mischen sich immer mehr Neugierige und Bizarrliebhaber, die meist ihre ganz eigene Vorstellung und Meinung zu SM haben. Alte Regeln werden aufgeweicht oder neu interpretiert. Vielleicht bin auch ich eher eine Mischung aus altem Hase und Newcomer. Ich lebe und interpretiere BDSM so, wie es mir Spaß macht. Dabei respektiere ich die Meinungen und die Spielweisen anderer, dennoch habe ich stets ein offenes Ohr für meinen Spielpartner und neue Ideen.