13:00 Uhr 
Es ist ein drückend heißer Samstag im Juli. Zusammen mit den anderen Wärterinnen und Wärtern stehe ich im Zellentrakt der JVA Crimmitschau, die erste und einzige Justizvollzugsanstalt in Deutschland, die sowohl männliche als auch weibliche Häftlinge verwahrt. Die Gefängnisleitung unterweist uns gerade in die Gepflogenheiten der JVA und zeigt uns deren Räumlichkeiten. Neben 12 Doppelzellen, gibt es 4 Verhörräume, eine Krankenstation, den Hof im Außenbereich und für die ganz harten Fälle sogar die berüchtigte „Blackbox“. Die Zellen selbst werden durch einen breiten Gang gespalten, an dessen Ende der Schreibtisch des Gefängnisdirektors steht. Direkt über dem Zellentrakt befindet sich eine Empore mit Gitterboden. 

Auf dem Betonfussboden sind Linien aufgeklebt. Diese verlaufen an beiden Seiten parallel zu den Zellen entlang des Mittelganges, mit etwa einem halben Meter Abstand zur Zellenwand. Folgt man einer dieser Linien, erkennt man schnell einen schmalen Pfad. Er führt hinaus in den Innenhof. Ein anderer weißt den Weg nach oben zu den Verhörräumen. Die Häftlinge dürfen sich nur innerhalb dieser markierten Laufwege bewegen. Ein Verlassen wird sofort durch die Strafvollzugsbeamten geahndet.

Die oberen Etage ist wie eine Galerie angelegt. An den Ränder befinden sich die Verhörräume sowie die Krankenstation. In der Mitte, direkt über dem Mittelgang des Zellentrakts ist der Boden offen. Die Öffnung ist mit einem Geländer gesichert. Da der Boden hauptsächlich aus Gittern besteht, ist es ein Leichtes, die Insassen in ihren Zellen zu beobachten. 

Für die Krankenstation stehen zwei Räume zur Verfügung. Einem Behandlungszimmer mit Gynstuhl und diversen Apparaturen sowie einem Ruheraum mit einem typischen Krankenhausbett und Segufix. Die Krankenschwester ist selbstverständlich ein Mitglied der Gefängnisleitung und wird alle klinischen Spiele und Angelegenheiten betreuen und überwachen.

In den Verhörzellen erlebt man eine regelrechte Zeitreise in die DDR der 1970er. Ausgestattet mit einem Schreibtisch, einem Telefon mit Wählscheiben, zwei Stühlen und weiteren nostalgischen Details. Der Raum bietet genügend Platz für mehrere Personen. Ebenfalls finden wir hier eine Mappe mit den Urteilen sowie eine Kopie der Neigungsbögen der Delinquenten. Die Verhörräume selbst sind mit Teppichboden ausgestattet. Gerade die Wärterinnen sollten hier auf das richtige Schuhwerk achten, womit wir schon zum nächsten Punkt kommen, der Dienstkleidung. 

Berufsneulingen wie ich, bekommen die Kleidung von der Gefängnisleitung gestellt. Erfahrenere Kollegen haben bereits ihre eigenen Uniformen mitgebracht. Weitere Utensilien wie Handschellen, Schlagstöcke, Trillerpfeifen, Spielsachen oder die Schlüssel für die Zellen stehen uns frei zur Verfügung.

Zu guter Letzt erfolgt die Diensteinteilung für die Abwicklung des Haftantritts der Straftäter. Insgesamt durchlaufen diese 6 Stationen. Wer zu mir kommt, hat bereits die Hälfte hinter sich, aber später mehr dazu. 

In knapp 15 Minuten steht der erste Verurteilte vor den Toren der Justizvollzugsanstalt Crimmitschau und wartet auf seinen Einzug. Die Hausregeln, die Ladung zum Haftantritt sowie weitere Informationen und Instruktionen haben alle Beteiligten bereits einige Tagen zuvor per E-Mail erhalten. In deren eigenen Interesse sollten sie die Unterlagen aufmerksam gelesen haben. 

14:00 Uhr
Pünktlich steht der erste Strafgefangene vor den Außentoren der Anstalt. Zwei männliche Strafvollzugsbeamte erwarten ihn bereits. Ohne große Worte wird er zum Gefängnisdirektor eskortiert. Dieser prüft die Personalien und klärt nochmals über den Aufenthalt in der JVA auf. Nach dem bürokratischen Teil geht es für den Verurteilten weiter zur Kleiderkammer. 

Dort werden ihm alle persönlichen Gegenstände, die er bei sich trägt sowie die Kleidung abgenommen. Seine Habseligkeiten werden detaillier protokolliert und in eine Kiste gepackt. Diese wird mit der Nummer des Häftlings versehen und sicher in den Anstaltsräumen verwahrt. Nackt bzw. nur mit Schuhen bekleidet geht es weiter auf die Krankenstation, wo die Schwestern und Pfleger bereits auf ihn warten. 

Wiegen, Blutdruck messen, Gewicht aufzeichnen und natürlich den Körper auf Schmuggelware untersuchen, sind nur ein paar der Dinge, die er über sich ergehen lassen muss. Nachdem der Gesundheitscheck abgeschlossen ist und die Oberschwester grünes Licht gibt, geleitet ihn ein Beamter zur Entlausungsstation.

Reinigung und Desinfektion stehen hier an oberster Stelle. Wer bisher den rauen Ton einer JVA vermisst hat, wird ab jetzt ganz sicher auf seine Kosten kommen. Unter dem harten Befehlston der Wärter gelangt der Strafgefangene zu mir und meinen beiden Kolleginnen. In guter Drillmanier weisen wir ihn an, seine Schuhe auszuziehen und sich, auf eine am Boden markierte Stelle zu begeben. 

Kaum dort angekommen richte ich den Wasserschlauch auf ihn und dusche seinen nackten Körper mit einem kaltem Schwall Wasser ab. Vor ihm liegt ein Stück Kernseife. Auf Befehlt hebt er sie hastig auf, seift sich ein und wird auch direkt wieder von mir mit dem kalten Wasserstrahl traktiert. Kaum abgeduscht, wirft ihm eine meiner Kolleginnen ein Handtuch zum Abtrocknen zu. Viel Zeit zum Abtrocknen lassen wir ihm natürlich nicht. Ist ja hier schließlich kein Wellnessurlaub! Er kann gerade noch seine Schuhe greifen, da jagen wir ihn im Laufschritt bereits zur nächsten Station. 

Dort angekommen wird er registriert und bekommt seine Anstaltsutensilien, wie Kleidung, Decke, Kissen, Zahnbürste und Trinkflasche. Bis er dann schließlich zu seiner Zelle geleitet und eingeschlossen wird. 

16:30 Uhr
Alle Gefangen sind unter Verschluss. Obwohl es sowohl männlich als auch weibliche Insassen gibt, sind die Zellen ausschließlich gleichgeschlechtlich belegt. Auf ein Zeichen des Direktors schließen wir die Zellen auf und führen die Häftlinge entlang der Linie, in den Mittelgang. Dort angekommen müssen sie sich in Reih und Glied aufstellen. Während zwei Wärter die Gefangen bewachen, begeben sich die anderen hinauf auf die obere Etage. Von dort aus hat man einen guten Blick auf das Geschehen darunter. 

Mit finstere Mine, ja schon fast bedrohlich blicken wir nach unten, wo der Direktor gerade mit seiner Ansprache beginnt. Mit lauten aber klaren Wort macht er den Insassen den Ernst der Lage klar. Die nächsten 24 Stunden werden für sie nicht leicht werden. Aber keiner von ihnen ist ohne Grund in der Justizvollzugsanstalt, daher müssen sie sich ihrem Schicksal fügen. 

Unter dessen teilt die Assistentin des Direktors Liederblätter aus. Auf ein Zeichen des Direktors ertönt eine bekannte Melodie über die Lautsprecher. Anfangs noch zaghaft, singen die Häftlinge den Text dazu. Ein lautes „Ich kann euch nicht hören!! Wollt ihr das ich schlechte Laune bekomme!?!“ eines Wärters, animiert den Chor zur Höchstleistung. Ein hübsches Bild von hier ob. Spätestens jetzt dürften alle zu 100 % im Rollenspiel angekommen sein. 

Nach dieser herrlichen Darbietung geht es zurück in die Zellen. Es folgen eine Vielzahl von Verhören. Mein erstes Opfer wählte ich willkürlich aus. Anhand seiner Akte wusste ich sofort, mit wem ich es zu tun habe. „Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz“ war der Grund seiner Verurteilung. Na gut, dann wollen wir doch einmal sehen, ob wir hier ein Geständnis aus ihm herausbekommen. Eine Stunde später ist meine Geduld am Ende. Er beteuert noch immer seine Unschuld und will sich an nichts erinnern können. Na gut, denke ich mir, dann eben zurück in die Zelle mit diesem Individuum. 

In den nächsten Stunden folgen zig weitere Verhöre sowie öffentliche Auspeitschungen und Sporteinheiten. Zu letzterem werden die Inhaftierten auf den Innenhof getrieben. Von der Krankenstation ist immer wieder ein schmerzverzerrtes, lustvolles Stöhnen zu hören. Bei Dienstschluss war es bereits weit nach Mitternacht. Die Nachtschicht übernimmt das Team vom Direktor, sodass wir ein wenig Schlaf bekommen. 

Bei Sonnenaufgang geht es schon wieder weiter. Die Unterkünfte der Wärter liegen zum Teil im Obergeschoss des angrenzenden Hauptgebäudes. Bei sommerlichen Temperaturen von über 30 Grad Celsius – auch in den Schlafräumen – ist an einen erholsamen Schlaf kaum zu denken.

Eine kalte Dusche und zwei Tassen Kaffee später stehe ich im Gefängnistrakt. Der Frühsport im Innenhof hat bereits begonnen, als ich das Gebäude mit den leeren Hafträumen betrete. Schön im Entenmarsch laufen sie hintereinander im Kreis, machen Liegestütze und Kniebeugen. Die Zahl der Delinquenten ist seid dem Einschluss am Vortag enorm geschrumpft. Es ist nicht einmal mehr die Hälfte anwesend und der ein oder andere wird im Laufe des Tages noch frühzeitig das Handtuch werfen.

Dem Morgensport folgt ein spärliches Frühstück und die Morgentoilette. Der Vormittag verläuft ziemlich entspannt. Die Insassen reinigen die Werkzeuge des Vortags, räumen die Verhörabteile auf und erledigen weitere kleine Dienste. Ein Highlight des Tages ist das große Tauziehen im Innenhof an dem anfangs nur männliche Gefange teilnehmen. Worauf dies hinaus läuft, dürfte beim Stichwort „CBT“ jedem klar sein. Hier wurde nicht nur mit den Händen am Seil gezogen. 

Die letzten Stunden des Experiments verlaufen bereits etwas mühsam. Ich komme körperlich an meine Grenzen. Wenig Schlaf, dauernde Aufmerksamkeit und mein Hang zur Perfektion zehren an meinen Kräften. Langsam sehne ich das Ende herbei. Ab 14:00 Uhr ist es dann endlich soweit. Die verbleibenden Strafgefangenen werden nach und nach aus unserer Obhut in die Freiheit entlassen. Alles natürlich in gewohnter Manier und hoch offiziell nach der Abschlussrede des Direktors. 

Mein Resümee: 

„Das Experiment – der 24 Stunden Knast“ kann ich jedem empfehlen, der auf diese Art von Rollenspiel steht. Das Konzept wurde sehr authentische und verantwortungsbewusst umgesetzt. Auch das Veranstalterteam war tadellos und immer zur Stelle. 

Wer sich allerdings als Häftling für dieses Format entscheidet, sollte zwei Punkte bedenken: 

  1. Es sind nicht ausschließlich Wärter des anderen Geschlechts für den Häftling zuständig. Das bedeutet, Männer werde beispielsweise auch von Männern eingesperrt und angeschrien. Wer also nicht bisexuell orientiert ist, sollte zumindest keine Berührungsängste (im Hinblick auf das Erhalten von Befehlen und Anweisungen) mit dem anderen Geschlecht haben. Sexuelle Bi-Handlungen können von vorn herein per Neigungsbogen ausgeschlossen werden. 
  2. Auf jeden Wärter kommen in etwa 2 Häftlinge. Wer also 24 Stunden auf eine intensive Einzelbehandlung hofft, kann sich von diesem Gedanken direkt verabschieden. Wir sind stets bemüht alle passiven Teilnehmer gleich zu behandeln, aber dennoch kommt es durchaus zu teils längeren Wartezeiten in den Zellen.